Hanau. Kein Vergessen.

 

Seit fast zwei Monaten leben Ferhat Ünvar (22), Gökhan Gültekin (37), Hamza Kurtović (21), Mercedes Kierpacz (35), Sedat Gürbüz (30), Kalojan Welkow (32), Fatih Saraçoğlu (34), Said Nessar El Hashemi (21), Vili Viorel Păun (23) nicht mehr, weil ein Rassist sie erschossen hat.

Das ist mitnichten ein Weckruf gewesen, wie manche Politiker*innen in ihrer Hilflosigkeit  und Ignoranz geäußert haben – es ist die Katastrophe mit langer Ansage gewesen und es ist keineswegs sicher, dass es die letzte gewesen ist. Die Weckrufe sind lange schon verklungen und wer auch immer nicht in das beschissene Weltbild von Rassist*innen und Neonazis passt, merkt täglich, welche Bedrohung rechte Gewalt bedeutet.

Was Hanau von den vielen anderen rassistisch motivierten Morden und Angriffen unterscheidet, ist, dass es gelungen ist, der Perspektive der Angehörigen, der potenziellen Opfer Gehör zu verschaffen. “Say their names” ist nach Hanau von deutlich mehr Menschen verstanden worden – es bedeutet, die Getöteten nicht als das zu sehen, was der Täter in ihnen gesehen hat: Fremde, die hier nichts zu suchen haben, die nicht mal das Recht auf Leben haben. Das Motto hat deutlich gemacht, dass es keine Fremden sind, sondern Nachbar*innen, Bekannte, Freund*innen, Kolleg*innen und Verwandte. Und dass es die verdammten Rassist*innen und Menschenfeinde sind, die in Anzug und Krawatte, in Uniform oder in Alltagskleidung unser Zusammenleben beenden können – sie fangen mit einem “das wird man ja noch sagen dürfen” und beenden es, in dem sie unsere Nachbar*innen, Freund*innen, Verwandte der Bekannten erschießen.

“Say their names” im Jahr 2020 bedeutet leider auch, dass allzu lange die Opfer nicht beim Namen genannt wurden – allzu oft sind die Opfer rassistischer Gewalt und Diskriminierung und ihre Angehörigen, Freund*innen und Nachbar*innen, allein gelassen worden. Allzu oft ist deutlich geworden, dass es auch in Ermittlungsbehörden mehr als Defizite gab, die eine Aufklärung rassistischer Tatmotivationen verhindert oder unmöglich gemacht hat. Die Forderungen der NSU-Ermittlungsausschüsse sind lange nicht umgesetzt, die Netzwerke nicht aufgedeckt.

Und genau deshalb ist es wichtig, den erneuten und tausendfach erzählten Beteuerungen der Politiker*innen und Sicherheitsbeamt*innen zu misstrauen, die uns suggerieren sollen, dass man nun verstanden hätte – selbst wenn es so wäre, heißt das immer noch nicht, dass daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Die Corona-Pandemie überlagert derzeit vieles, umso wichtiger finden wir es, alle Betroffenen von rassistischer und rechter Gewalt, Hetze und Diskriminierung zu unterstützen und ihren Forderungen zur Durchsetzung zu verhelfen.

Die “Initiative 19. Februar Hanau” gehört unterstützt, weil sie die notwendige Auseinandersetzung mit Rassismus führen wollen, auch wenn die mediale Aufmerksamkeit verschwunden ist: zur Initiative.

U.a. geht es darum, den Druck auf die Ermittlungsbehörden aufrecht zu erhalten: Stellungnahme der Initiative 19. Februar Hanau zur rechtsextremen Motivation sowie zur Informationsblockade

Und das auf Azzi Memos Initiative entstandene Video “Bist du wach?” supportet die Amadeo-Antonio-Stiftung, die nicht nur die Angehörigen der Hanauer Opfer unterstützt:

 

Die Amadeo-Antonio-Stiftung hat schon länger aufgelistet, wie viele Menschen seit 1990 in Deutschland durch rechte Gewalt gestorben sind.

Die neue Internetseite gegenuns.de widmet sich genau den Geschichten der Angehörigen und Freund*innen der Opfer rechter Gewalt. Dieses Projekt wird fortgesetzt, checkt das immer mal wieder. Es macht so deutlich, wie wichtig Rückhalt und Solidarität sind.

 

In Hessen ist die Beratungsstelle response, die Opfern rechter Gewalt und Diskriminierung Hilfe und Unterstützung anbietet. Für den Dönerkiosk in Halle, den Rechtsextremist bei seinem Anschlag angegriffen hat, gibt es übrigens auch eine Unterstützungsseite – den Anschlag verarbeiten, das geschäft wieder eröffnen – und dann noch Corona… Alles etwas zu viel.

Hier findet ihr die Dokumentation der Arbeit von NSU-Watch – ein unabhängiger Zusammenschluss von Menschen, die die Aufarbeitung der NSU-Morde und des Ermittlungsversagens begleitet haben – zu Hessen gibt es da nochmal eine eigene Unterseite.

 

 

2 Antworten

  1. Schwipsi sagt:

    Auch in Corona-Zeiten andere wichtige Themen nicht vergessen! Top.
    Das gute an der Krise ist, dass man nichts mehr von dem Vollidioten-Verein AfD hört.
    Gibts den Sauhaufen noch?

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