Täglich grüßt das Murmeltier – 2021

Nach dem Abzug von Marion Walsmann (CDU) ins EU-Parlament, nimmt sich in diesem Jahr die Stadt Erfurt wieder des Problems von Graffiti (und sogar Urin!) an den Erfurter Bahnhofsarkaden an.

Damit wird die 2018 gestartete, 2019 fortgeführte, 2020 (Pandemie) ausgesetzte Kampagne mit neuer Kraft fortgesetzt. Den Kampf, in Vertretung für die Allgemeinheit, führen nun Citymanagerin Patricia Stepputtis, Alexander Reintjes, Amtsleiter des Tiefbau- und Verkehrsamtes und u.a. Torsten Höhne, Geschäftsführer der Graffiti Ex GmbH fort.

Fast erscheint es – als würde die Stadt einen jahrelangen fast aussichtslosen Kampf gegen (Graffiti-) Windmühlen unter den Bahnhofsarkaden mit frischen Kräften angehen. Um damit einem der größeren Innerstädtischen Probleme endlich Herr zu werden.

Der 2021 Ansatz lautet: Statt das ein Teil, so groß wie der MDR-Kameraausschnitt, von Politikdarstellerinnen medial wirksam gebufft wird – nehmen sich gleich zwei spezialisierte Unternehmen, den bis zu 3,5cm! eingedrungen Graffitis an.

Damit die umfassenden Prüf-(Public-private-Partnership)verfahren mit Probereinigungen nicht umsonst waren. Sichert die, in zwei Teilabschnitte geteilte, Baustelle doch unternehmerisch innovative (unbedingt dieses innovative Video schauen!!!) Arbeitsplätze.

Die Arbeiten sollen vom 23. bis zum 27 August stattfinden. Da sie bei Regen nicht durchgeführt werden können, ist eine Woche Reservezeit eingeplant.

Alles wird gut
Der regenbedingte holprige Start wird hoffentlich durch einen umso stärkeren Pressetermin am Schluss wettgemacht. Unter Anwesenheit des Ordnungsdezernenten (irgendwo wird sicher doch noch eine Hassparole zu finden sein), des KPR der Stadt Erfurt (wenn nicht im Urlaub), Bundes- und/oder Stadtpolizei (am besten beide), Citymanagement (+ ein Händler vielleicht) und weiteren interessierten Parteien, werden die nach dem Löschblattprinzip gereinigten Arkaden als jetzt-endlich-nach-nur-5-Jahren-sauber präsentiert.

Schluss mit der Polemik!
Dass sich immer wieder bei diesem Thema in bekannte Muster und Anwandlungen verfallen wird hat Gründe. Der jahrelange Kampf der Stadt (Frau Walsmann und des Stadtbildgraffiti e.V. muss hier besonders hervorgehoben werden) gegen Graffiti, aber auch Kunst im öffentlichen Raum hinterliess Spuren und Verhaltensmuster bei allen Beteiligten.

Das wird mit Blick auf die Bahnhofsarkaden, Graffiti, Zuständigkeit, Präsentation und der Aussicht über den Stadtrand hinaus klar.

Das haben wir schon immer so gemacht
Dass sich nun das Citymanagement dieses Themas annimmt, zeugt einmal mehr von der lähmenden Ideenlosigkeit aller Beteiligten. Hier hängt Erfurt ganz tief in den broken window 90´ern fest.

Nur ein kleiner Aspekt – der aber symptomatisch für den Zustand von Planung und Entwicklung von öffentlichen Raum in Erfurt steht. Ein Zustand den die Stadt ganz anschaulich und unbedarft auf dem Stadtportal an nachfolgenden Beispiel präsentiert.

Im Gegensatz bzw. im Vergleich zu (mittlerweile) sehr vielen Städten (ähnlichen Kriterien wie Größe, Landeshauptstadt usw.) thematisiert Erfurt Kunst im öffentlichen Raum, aber auch Graffiti auf eine ganz eigene Art. Mit besonders eigener Selbstbeschreibung:

Mit mehr Streetart im öffentlichen Raum wird neben der stärkeren Präsenz dieser Kunstform durchaus der Gedanke an die Eindämmung von Schmierereien verbunden.

https://www.erfurt.de/ef/de/engagiert/praevention/kpr/themen/graffiti/index.html

Hier werden die wenigen, in den vergangen zwei Jahren neu entstandenen Auftragsarbeiten unter der Rubrik (Kriminal-)Prävention präsentiert. Das hier Wandmalerei, Graffiti, Hassparolen, Streetart, Wall-of-Fames munter vermischt werden ist durchaus als fachlicher Offenbarungseid zu verstehen.

Um zu sehen wie hängengeblieben diese Anschauung ist, sollten keine unfairen Vergleiche mit Metropolen wie Hannover, Wiesbaden oder Linz gescheut werden.

Es reicht aber auch ein Blick ins Thüringer Land – nach Schmalkalden.

Auf die Idee, Kunst im öffentlichen Raum: Ob (DDR-) Kunst am Bau (Relikte einer Erfurter Tradition), Auftragsarbeiten (bspw.: aktuell gestaltete Verteilerkästen), oder freie Arbeiten (Freiraumgalerie OQ-PAINT) für Bürger und Gäste (auch touristisch) abzubilden, sogar zu vermarkten oder wenigstens zu kommunizieren kommt man in der Landeshauptstadt nicht.
Das was wie gezeigt und abgebildet wird ist unvollständig, fehlerhaft und deplatziert.

Wer bspw. etwas über das Wandbild/Mosaik von Josep Renau (Moskauer Platz) wissen möchte – sollte lieber hier suchen. Als in den Aktuelles– Pressemeldungen der Stadt.

Die (dafür eigentlich Zuständige!) Kulturdirektion spielt mangels Führung, Personal sowie stadtinterner Irrelevanz keine Rolle in diesem Fall.

So konnte der, bis dato 15 Jahre im Untergrund agierende, Kriminalpräventive Rat der Stadt Erfurt in die Lücke stoßen und das Thema Kunst im öffentlichen Raum, verbunden mit Graffiti, an sich ziehen. Was zur paradoxen Situation führt, das KPR Mitarbeiter:innen nun im wesentlichen über Kunst im öffentlichen Raum entscheiden bzw. sich dafür zuständig (Ausschreibung, Jury & Vergabe) fühlen.
Der nicht vorhandene Auftrag und das der KPR personell dafür nicht qualifiziert ist – runden das Bild ab.

Ebenso wie die Tatsache das sich der KPR ungeniert mit fremden Federn schmückt. Schliesslich hat der KPR weder in der Vergangenheit noch aktuell irgendetwas mit der Schaffung von Wall-of-Fames oder deren Erhalt zu tun! Mit keinem Wort werden die Menschen und Initiativen erwähnt die die Flächen möglich gemacht haben!

Funfact: Erfurt weisst als Landeshauptstadt im Landesvergleich Vergleich die wenigsten Freiflächen für Kunst im öffentlichen Raum aus.
Am Bespiel: Bad Salzungen (ca. 16.000 Einwohner) verfügt über 7 offizielle Freiflächen. Erfurt (ca. 213.000 Einwohner) bietet hingegen zwei offizielle Freiflächen zu Entfaltung. Rein an den qm gemessen liegt die Landeshauptstadt damit hinter: Bad Salzungen, Weimar, Saalfeld, Gotha usw. ..und nur ganz knapp vor Apolda und Nordhausen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Die Stadt, Erfurt Tourismus und Marketing GmbH Kultur und Citymanagement folgen der Mittelalterlichen Strategie: Vorwärts nimmer – Rückwärts immer! Krämerbrücke, Altstadt, Weihnachtsmarkt, Dom & Severie und viel totes Gestein wird es auch zukünftig richten.

Wie innovativ, auch in Hinblick auf die Einwohner Erfurts, diese “Strategie” ist – wird sich zeigen. Anderes rum: Eventuell erklimmt Kunst im öffentlichen Raum wenigstens virtuell die Stufe über den Friedhöfen.

Nobody cares!
Zurück zu den Bahnhofsarkaden: An dieser Stelle wird es innerhalb der Stadtverwaltung richtig verdreht. Man sollte nun meinen das der KPR für diese Initiative (als klassisches Thema) zuständig wäre. Stattdessen widmet sich nun der Citymanagement e.V. und das Tiefbauamt in einer Public-private-Partnership dem Thema Graffitiprävention und Sicherheit.

“Fast ein Jahr haben wir daran gearbeitet und Überzeugungsarbeit geleistet“, so die Citymanagerin Patricia Stepputtis.

https://www.erfurt.de/ef/de/service/aktuelles/pm/2021/139104.html

Warum und weshalb bleibt völlig schleierhaft. Gibt es sonst keine Aufgabe für das Citymanagement?

Vielleicht begreifen wir diese unten-ist-oben-Strategie nur noch nicht?!

Schliesslich hat das Tiefbauamt und der KPR der Stadt Erfurt auch die Rollen getauscht. Das vorher für die Verteilerkästen zuständige Tiefbauamt scheint nun für Prävention zuständig – der KPR übernimmt hingegen die Vergabe und Gestaltung der Verteilerkästen im Stadtgebiet.

Alles aus dieser Gemengelage positiv Resultierendes – ist reiner Zufall!

Unqualifizierte und offiziell nie mit einem Arbeitsauftrag betraute Stellen der Stadtverwaltung entscheiden nach Gutdünken über die Art der Kunst und damit über gestalteten öffentlichen Raum, oder verhindern diesen. So lässt man nebenbei jedes zivile Engagement, in diesem Bereich, auch ins Leere laufen.

Die Reinigung der Bahnhofsarkaden als Anlass für diesen Beitrag zu nehmen, wirkt vielleicht etwas weit hergeholt. Die Realität lässt diesen Abzweig aber leider zu.

KRK / Gastbeitrag

9 Antworten

  1. Gödi sagt:

    Schnarch schnarch und nochmals schnarch. Wen interessiert bitte Erfurz? Berichtet doch mal zur Abwechslung aus FF/M. Thx

    • Captain here sagt:

      Es ist eine Stadt wie jede andere und genau darum hats zu interessieren!
      Genau genommen nicht wie jede andere, denn hier wird vorreitermäßig auf Graffitiprävention gesetzt und keine Kultur erlaubt. Vielleicht schwappt diese negative Energie auf deine Stadt/Dorf/Höhle über und noch mehr Orte erleiden eine karge Zukunft. Man stelle sich eine virusartige Graffitipräventionswelle vor, die global vor keiner Fassade, Brücke, Tunnel, Sttromkästchen etc. halt macht und einfach alles überrollt.
      Boom!

  2. Hulgor der sinnliche Barbar sagt:

    Danke für die schicke Zusammenfassung : )
    Ist doch schön wie Hilflos die Autoritäten da hinter ihren Gartenzäunen mit dem “Problem” sind.
    By the way: fand die Bahnhofsarkaden eigentlich nie so sonderlich verkommen und warum kann man in einem Überdachten Bereich, also unter den besagten Arkaden eigentlich nur Buffen wenns nicht regnet? Unklar.
    Ich schätze in 10 Jahren ist ohnehin ein großer Teil der Leute tot die momentan als Gatekeeper & Entscheidungstragende alles Subervsive tot trampeln:
    https://www.erfurt.de/mam/ef/rathaus/daten_und_fakten/fittosize_85_960_0_c8726ab41bd13cb8302859ab93ac66f6_erfurt_alterspyramide.png

  3. Hulgor, der begeisterte Geisterbahnkontrolleur sagt:

    ps: diese Graffiti-Buff-Animation ist ja der Hammer, die 135er haben es auch reingeschafft 😀 Und ein paar surreale impressionen von Innenstadtgebäuden aus Erfurt. Allerdings witzig, dass die ihre animation mit zu wenig frames rausgerendert haben, die Laggt irgendwie etwas, das ist ja schon dezent toy.

    • Horst Lackfreund sagt:

      Leute, übermorgen ist wieder streik also mal schnell weg von den Tastaturen und rein in die abtellungen!
      Der größte Feind der graffiti Kultur ist sowieso die Faulheit!
      Immer munner weider lagge!!!!!

  4. Nachtigall sagt:

    Nun zu was technischem… Deren tolles Produkt ist relativ leicht zu knacken. Wenn man an so ne versiegelte Mauer geht packt man ein Feuerzeug ein und behandelt die Fläche entsprechend mit der Dose vor, wisst schon wie… ist zudem ne geile Show 😛 nur Vorsicht mit den Haaren.

  5. hilfe sagt:

    Graffiti – Ursprung aller Probleme und Einstiegsdroge Nr. 1

  6. Bomber sagt:

    Ja wie eig immer das wichtigste Thema unserer Gesellschaft.

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