Die Suche nach "Leonardo da Vinci Skulpturen" führt uns zu einem faszinierenden, aber auch rätselhaften Teil seines Schaffens. Während seine Gemälde die Welt verzaubern, bleibt sein bildhauerisches Erbe weitgehend im Schatten. Dieser Artikel beleuchtet die Frage, ob Leonardo da Vinci überhaupt als Bildhauer tätig war und welche Skulpturen ihm zugeschrieben werden. Es ist eine weniger bekannte Seite seines Genies, die uns tiefere Einblicke in seine vielschichtige künstlerische Persönlichkeit gewährt.
Leonardo da Vincis Skulpturen: Meist umstrittene Zuschreibungen prägen sein bildhauerisches Erbe
- Es gibt keine von Leonardo signierte oder zweifelsfrei belegte Skulptur, die erhalten ist.
- Sein größtes bildhauerisches Projekt, das Sforza-Pferd, wurde als Tonmodell von französischen Soldaten zerstört.
- Die Flora-Büste im Bode-Museum, einst Leonardo zugeschrieben, wurde durch Radiokarbondatierung als post-leonardisch entlarvt.
- Die Terrakotta-Skulptur "Die Jungfrau mit dem lachenden Kind" gilt als die wahrscheinlichste, wenn auch nicht unumstrittene, erhaltene Skulptur von seiner Hand.
- Leonardo argumentierte in der "Paragone"-Debatte für die Überlegenheit der Malerei über die Bildhauerei.
- Seine Ausbildung bei Verrocchio legt eine frühe Beschäftigung mit der Bildhauerei nahe, auch wenn direkte Werke fehlen.
Warum wir Leonardos Gemälde kennen, aber keine Statuen
Die grundlegende Problematik bei der Zuschreibung von Skulpturen an Leonardo da Vinci ist ernüchternd: Es existiert keine einzige, von ihm signierte oder durch zeitgenössische Quellen zweifelsfrei belegte, erhaltene Skulptur. Seine bildhauerische Tätigkeit ist uns primär durch Skizzen, seine eigenen Schriften und Berichte über Projekte, die entweder verloren gingen oder nie realisiert wurden, überliefert. Diese Tatsache wirft ein besonderes Licht auf die wenigen Werke, die ihm heute zugeschrieben werden, und macht jede Entdeckung zu einem potenziellen Puzzleteil in einem größeren, noch unvollständigen Bild.
Die Ausbildung bei Verrocchio: Leonardos erste Schritte als Bildhauer
Leonardos künstlerische Reise begann in der pulsierenden Werkstatt von Andrea del Verrocchio in Florenz. Verrocchio war nicht nur ein gefeierter Maler, sondern auch ein herausragender Bildhauer seiner Zeit. Die Ausbildung in einer solchen Umgebung legt nahe, dass Leonardo von frühester Jugend an intensiv mit der Bildhauerei in Berührung kam. Die Techniken der Formgebung, des Modellierens und des Gusses wurden ihm hier zweifellos vermittelt, auch wenn direkte Zeugnisse seiner eigenen bildhauerischen Werke aus dieser Zeit fehlen.
Der "Paragone": Leonardos überraschende Meinung zur Bildhauerei
Interessanterweise beteiligte sich Leonardo da Vinci intensiv an der sogenannten "Paragone"-Debatte der Renaissance. Diese Auseinandersetzung drehte sich um die Frage, welche Kunstform Malerei oder Bildhauerei die höhere Stellung einnimmt. In seinen Schriften argumentierte Leonardo vehement für die Überlegenheit der Malerei. Er hob hervor, wie die Malerei die Illusion von Tiefe, Licht und Schatten auf eine Weise erzeugen kann, die der Bildhauerei verschlossen bleibt. Diese Haltung mag paradox erscheinen angesichts seines Talents, unterstreicht aber seine komplexe und vielleicht sogar ambivalente Beziehung zur Bildhauerei.

Das Sforza-Pferd: Ein verlorenes Meisterwerk der Bildhauerei
Ein Denkmal für einen Herzog: Die Vision des "Gran Cavallo"
Das ambitionierteste und wohl auch berühmteste bildhauerische Projekt Leonardos war die Erschaffung eines monumentalen Reiterstandbildes für Francesco Sforza, den Herzog von Mailand. Diese Vision, bekannt als der "Gran Cavallo", sollte ein Symbol der Macht und des Ruhms der Sforza-Dynastie werden. Leonardo verbrachte Jahre damit, die komplexen anatomischen Details eines Pferdes und die Dynamik eines Reiters zu studieren, um ein Werk von beispielloser Größe und Ausdruckskraft zu schaffen.
Jahre der Arbeit, ein Moment der Zerstörung: Das Schicksal des riesigen Tonmodells
Die Entstehung des Sforza-Pferdes war ein langwieriger Prozess, der von Leonardos unermüdlichem Streben nach Perfektion geprägt war. Er schuf ein riesiges Tonmodell, das als Meisterwerk der Modellierkunst galt und bereits seine Genialität als Bildhauer unter Beweis stellte. Doch das tragische Schicksal wollte, dass dieses Modell im Jahr 1499, als französische Truppen Mailand eroberten, von Soldaten zerstört wurde. Sie nutzten es offenbar als Zielscheibe für ihre Pfeile, und so ging dieses monumentale Werk verloren, bevor es jemals in Bronze gegossen werden konnte.
Von Mailand in die Welt: Wie Leonardos Vision heute weiterlebt
Obwohl das Original des Sforza-Pferdes für immer verloren ist, lebt Leonardos Vision in moderner Zeit weiter. Basierend auf seinen detaillierten Originalzeichnungen wurden im Laufe der Jahre mehrere Nachbildungen des "Gran Cavallo" geschaffen. Diese Rekonstruktionen, die sich an verschiedenen Orten der Welt befinden, ermöglichen es uns, eine Vorstellung von der einstigen Pracht dieses verlorenen Meisterwerks zu bekommen und Leonardos bildhauerisches Genie auch posthum zu würdigen.

Die Flora-Büste: Ein Kunstskandal um Leonardos Erbe
Ein Sensationsfund für das Bode-Museum: Wilhelm von Bodes Überzeugung
Im frühen 20. Jahrhundert sorgte eine Wachsbüste für Aufsehen, die Wilhelm von Bode, dem damaligen Generaldirektor der Berliner Museen, als eine bisher unbekannte Skulptur Leonardo da Vincis präsentiert wurde. Bode war überzeugt, in der Darstellung einer jungen Frau, die als "Flora" identifiziert wurde, ein Werk des Meisters gefunden zu haben. Dieser vermeintliche Sensationsfund wurde im Bode-Museum ausgestellt und löste eine Welle der Begeisterung aus.
Zweifel, Spott und ein englischer Bildhauer: Warum die Zuschreibung wackelte
Die Zuschreibung der Flora-Büste an Leonardo da Vinci war jedoch von Anfang an von Zweifeln begleitet. Kritiker bemängelten stilistische Ungereimtheiten und die ungewöhnliche Technik. Die Debatte eskalierte zu einem regelrechten Kunstskandal, der die kunsthistorische Welt spaltete. Insbesondere die Tatsache, dass die Büste von einem englischen Bildhauer namens Richard Cockle Lucas stammen könnte, der behauptete, sie bereits in den 1840er Jahren geschaffen zu haben, nährte die Skepsis und führte zu Spott über die voreilige Zuschreibung.
Was die Wissenschaft heute sagt: Das endgültige Urteil der Radiokarbondatierung
Die wissenschaftliche Untersuchung hat schließlich Klarheit in die Kontroverse um die Flora-Büste gebracht. Moderne Analysemethoden, insbesondere die Radiokarbondatierung des Wachses, lieferten ein eindeutiges Ergebnis: Das Material, aus dem die Büste gefertigt ist, stammt aus einer Zeit nach Leonardos Tod. Diese wissenschaftlichen Beweise entkräften endgültig die Annahme, es handle sich um ein Werk des Renaissance-Meisters, und machen die Flora-Büste zu einem Mahnmal für die Tücken der Kunstzuschreibung.

Die Jungfrau mit dem lachenden Kind: Leonardos einziges erhaltenes Werk?
Von der Werkstatt Verrocchios ins Londoner Museum: Die Reise einer Terrakotta-Figur
Die Terrakotta-Skulptur "Die Jungfrau mit dem lachenden Kind" ist ein Werk, das heute im Victoria and Albert Museum in London zu finden ist. Kunsthistoriker vermuten, dass diese zarte Figur um 1472 in der Werkstatt von Andrea del Verrocchio entstanden ist, also während Leonardos Lehrzeit. Die Skulptur zeigt eine Mutterfigur, die ihr Kind liebevoll betrachtet, und besticht durch ihre feinfühlige Darstellung.
Pinselstrich in Ton: Welche Details auf den jungen Leonardo hindeuten
Mehrere Kunsthistoriker, darunter Francesco Caglioti, sehen in dieser Terrakotta-Figur überzeugende Anzeichen für die Hand des jungen Leonardo da Vinci. Sie verweisen auf stilistische Ähnlichkeiten mit seinen frühen Zeichnungen und auf die feine Modellierung der Gesichter und Gewänder, die auf seine besondere künstlerische Sensibilität hindeuten. Die Art, wie das Lachen des Kindes eingefangen ist, wird als typisch für Leonardos Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit, Emotionen darzustellen, interpretiert.
Ein Konsens unter Experten? Der aktuelle Stand der Forschung zu diesem Werk
Obwohl die Zuschreibung der "Jungfrau mit dem lachenden Kind" an Leonardo da Vinci nicht unumstritten ist, gibt es unter vielen Experten eine wachsende Akzeptanz. Viele sehen in ihr die wahrscheinlichste, wenn auch nicht absolut gesicherte, erhaltene Skulptur, die von Leonardo stammen könnte. Sie repräsentiert einen wichtigen Anhaltspunkt, um Leonardos frühe bildhauerische Versuche besser zu verstehen und seine Entwicklung als Künstler nachzuvollziehen.
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Weitere umstrittene Zuschreibungen und Kooperationen
Der geheimnisvolle "Budapester Reiter": Pferdestudie oder Meisterwerk?
Eine weitere Skulptur, die immer wieder mit Leonardo da Vinci in Verbindung gebracht wird, ist der sogenannte "Budapester Reiter". Diese kleine Bronze-Skulptur, die im Museum der Schönen Künste in Budapest ausgestellt ist, zeigt einen aufsteigenden Reiter auf einem Pferd. Die Zuschreibung ist stark umstritten, doch einige Experten sehen in der dynamischen Haltung und der anatomischen Darstellung des Pferdes Ähnlichkeiten mit Leonardos zahlreichen Studien von Pferden, die in seinen Skizzenbüchern zu finden sind.
War Leonardo das Modell für Verrocchios David?
Eine faszinierende Hypothese besagt, dass der junge Leonardo da Vinci selbst als Modell für eine der berühmtesten Skulpturen der Renaissance gedient haben könnte: Verrocchios David. Diese Annahme stützt sich auf Ähnlichkeiten in der Darstellung des jungen Mannes und auf die Tatsache, dass Leonardo zu dieser Zeit in Verrocchios Werkstatt tätig war. Ob er tatsächlich Modell stand, ist zwar nicht bewiesen, aber die Vorstellung ist reizvoll und unterstreicht die enge Verbindung zwischen Meister und Schüler.
Versteckte Hinweise: Leonardos Hand in den Werken seines Meisters?
Es ist durchaus denkbar, dass Leonardo da Vinci bereits während seiner Ausbildung bei Verrocchio an den Skulpturen seines Meisters mitgearbeitet hat. Die genauen Beiträge einzelner Lehrlinge sind oft schwer zu dokumentieren, und so bleibt die Frage, ob und in welchem Umfang Leonardo direkt an Skulpturen wie dem David oder anderen Werken Verrocchios beteiligt war, Gegenstand kunsthistorischer Spekulationen. Solche möglichen, aber schwer nachweisbaren Kooperationen werfen ein Licht auf die komplexe Entstehung von Kunstwerken in den Werkstätten der Renaissance.






